Die Löffel hingen hoch
Julia Stranghöner ist Nachwuchsköchin Nr. 1 in OWL
VON MEIKO HASELHORST
Herford. Bei der Vorausscheidung an der Berufsschule war sie von 50 Teilnehmern "nur" Zweite geworden. Knapp hinter einem
gewissen Nico aus der Parallelklasse. Für die nächste Ebene hatte sich die angehende Köchin Julia Stranghöner vom
Hotel-Restaurant Schinkenkrug damit trotzdem qualifiziert. Und da hat's jetzt geklappt: Bei der OWL-Meisterschaft der
Koch-Azubis im Stadtpark Schützenhof ließ die Herforderin alle anderen hinter sich.
Eine Wachtelrollgalantine mit Morcheln und Pistazien, Zander mit Kartoffel- schuppen und roten Nudeln, gefüllte Lammkeule
in Rosmarinsauce und zum Dessert Schokoladenblätter mit Mas- car-pone-Creme haben die Jury der- maßen verzückt, dass sich
Julia nun als beste "Azubine" ihrer Branche be- zeichnen darf.
Dabei fing es für Julia nicht besonders gut an. "Ich war schon etwas nervös. Da liefen Kollegen aus Bielefeld, Paderborn
und Minden rum, die schon alle möglichen Preise gewonnen hat- ten. Und Ich? Ich war Zweite auf dem Leo-Sympher-Berufskolleg
geworden", erzählt die 23-Jährige und lacht.
Hinzu kam die Enge in der Küche des Schützenhofes. "Ich hatte ja zwei riesige Warenkörbe für die Zutaten mitgenommen, dazu
noch Kochgeschirr und Kochplatten." Als dann auch noch der Mixer und die Platten streikten, hätte Julia am liebsten den
Löffel abgegeben. Mit ihrem Ausbilder Axel Schneider hatte sie sich wochenlang auf den großen Tag vorbereitet - vor der
Arbeit, nach Feierabend und in jeder freien Minute. Und jetzt sollten die ganzen Bemühungen für die Katz gewesen sein? Das
konnte ja wohl nicht sein.
"Die machenihren Weg"
Julia schwitzte und ackerte - fünf Stunden lang. "Dabei habe ich bestimmt ein paar Liter Flüssigkeit verloren",
erzählt sie. Im Nachhinein kann sie gut drüber lachen - zumal die Sache bekanntlich ein gutes Ende nahm. "Als ich
mein Dessert fertig hatte, wusste ich, dass mir trotz aller Widrigkeiten alle fünf Gänge ganz gut gelungen waren",
erzählt die Meisterin. Dass dies maßlos untertrieben ist, machte das fixe Urteil der Jury deutlich: Kaum hatte Julia die Küche
aufgeräumt und ihre Utensilien wieder in die Kisten gepackt, da teilte man ihr auch schon
Et voila: Julia Stranghöner präsentiert ihren Zander mit Kartoffelschuppen, der beim Wettbewerb
die Jury überzeugte. Im Hintergrund freut sich auch ihr Ausbilder Axel Schneider über den Erfolg.
FOTO. KIEL-STEINKAMP
den Sieg mit. "Ein Prüfer hat mir erzählt, dass ich für meinen Dessert 100 Punkte bekommen
habe", sagt Julia. Besser geht's nicht. Was dieser Sieg eines Tages für sie wert sein wird, kann sie jetzt noch nicht
abschätzen. Dazu Thomas Keitel, Hauptgeschäfts- führer des Hotel- und Gaststätten- verbandes Ostwestfalen-Lippe:
"Bei einer Gesamtteilnehmerzahl von über 200 Azubis ist ein Sieg schon eine recht gute Referenz. Erfahrungsgemäß, so
Keitel, machten "diese Siegertypen beruflich auch später ihren Weg".
Ein Bewerbungsschreiben wird Julia Stranghöner so bald aber nicht auf- setzen. Ihr Ausbilder Axel Schneider
hätte nichts
dagegen einzuwenden, noch ein paar Jährchen mit der talen- tierten und ehrgeizigen Nachwuchs- kraft zu arbeiten. Chefin
Carmen Schneider fänd's auch gut. Und Julia? "Ich denke, dass ich nach meiner Abschlussprüfung im Sommer erstmal hier
weiter arbeiten werde", sagt sie und nimmt ihren Pokal in die Hand.
Apropos: Die Trophäe aus Vollglas ist nicht unbedingt eine Augenweide. Etwas anderes ist aber auch viel wichtiger: Nico
aus der Parallelklasse ist "nur" Zweiter geworden. Für den Wettbewerb auf Landesebene hat er sich damit aber ebenfalls
qualifiziert. Mal schauen, wer nächstes Mal die Nase vorn hat.
Erschienen in der Lokalausgabe Herford der Neuen Westfälischen, 24./25. April 2010